Wenn Computerprogramme Tests korrigieren

Dr. Fabian Zehner erklärt wie eine Software Textantworten bewertet und warum das fairer sein kann als die menschliche Auswertung

Lena Sterz

Lesezeit: 4 Minuten
Nahaufnahme eines Laptops.
© unsplash, glenn carstens peters

Dr. Fabian Zehner: ReCo steht für Automatic Text Response Coder, das heißt, es dreht sich eigentlich alles darum, Textantworten automatisch auszuwerten, beziehungsweise zu kodieren. Die Textantworten werden dafür jeweils einer Benotungs-Kategorie zugeordnet. Entstanden ist das Ganze im Kontext von PISA.

Zehner: Wenn zu einem Text zum Beispiel die Frage gestellt wird: Was hat die Protagonistin am Ende der Geschichte wütend gemacht? Und die richtige Antwort wäre: Weil der Vater eine ihr wichtige Zeitschrift weggeschmissen hat, dann erkennt die Software nicht nur, ob in der Antwort die richtigen Worte vorkommen, sondern sie berücksichtigt die Semantik. Dafür werden die Antworten quasi in Zahlen übersetzt und anhand dieser Zahlen lernt die Software dann, welche Zahlen, also Antwortsemantik, bedeuten, ob eine Antwort richtig oder falsch ist. Das muss man ReCo beibringen, bevor es einen Text auswerten kann.

Und das Tolle daran ist, wenn ReCo weiß, dass „Zeitschrift“ ein richtiges Wort ist, dann erkennt sie auch „Magazin“ als richtig an, weil die Software weiß, dass es ein Synonym ist.

Zehner: Richtig, in den nächsten Jahren jedenfalls nicht. ReCo ist eher für groß angelegte Studien geeignet, bei denen wir Bildungsforschung betreiben und etwas über große Gruppen herausfinden.

Für die Individualdiagnostik, gerade bei wichtigen Prüfungen wie dem Abitur, von denen das Leben und die Bildungskarriere einzelner Schülerinnen und Schüler abhängen, würde ich von automatischer Auswertung aktuell noch absehen, vor allem rechtlich. Mit der Zeit, glaube ich, wird sich das ändern, aber dafür müssen auch die rechtlichen Rahmenbedingungen noch entwickelt werden. Ich denke, das wird mindestens noch ein, zwei Jahrzehnte dauern.

Dann sieht man direkt auf den ersten Blick, dass sich zum Beispiel 50 Prozent der Antworten um die Zeitschrift der Tochter drehen, um beim Beispiel von eben zu bleiben. Andere Antworten gehen vielleicht auf irgendeinem anderen Aspekt ein, der in der Geschichte passiert; und das wird dann der Lehrkraft angezeigt, so dass sie nicht mit 30 Antworten klarkommen muss, sondern nur mit einigen wenigen Antworttypen. So kann sie einschätzen, wie viel Prozent der Lerngruppe einen bestimmten Unterrichtsinhalt verstanden haben. Die App lässt sich auch bei Diskussionen einsetzen, etwa wenn in der Klasse die Vor- und Nachteile sozialer Medien diskutiert werden.

Zehner: Durch die Software kann man mehr Schülerinnen und Schüler mitnehmen; im Idealfall sind dann wirklich alle mit am Ball. Niemand kann sich hinter anderen verstecken, die sich sonst immer melden. So kann die Unterrichtsqualität gesteigert werden, indem durch die richtigen Fragen alle mental mitmachen; etwas, das kognitive Aktivierung genannt wird. Und die Schülerinnen und Schüler können sehen, wo sie im Vergleich zu den anderen stehen.

Zur Person

Dr. Fabian Zehner ist Habilitand und Projektleiter am DIPF (Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation), unter anderem zur Beforschung automatischer Auswertung von Textantworten. Nach einen Frühstudium der Informatik schloss er ein Psychologie-Studium ab und forscht heute an der Schnittstelle beider Gebiete.