Kreativität gilt als eine der wichtigsten Kompetenzen für die Zukunft. PISA-Ergebnisse zeigen jedoch, dass deutsche Schülerinnen und Schüler beim kreativen Denken nur mittelmäßig abschneiden. Wie können Lehrkräfte originelle Ideen im Unterricht gezielt fördern? Dr. Ann-Kathrin Jaggy erklärt, warum es auf innovative Unterrichtsmodelle und eine offene Lernkultur ankommt.
Redaktion: Frau Dr. Jaggy, Kreativität gilt als Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts, und das längst nicht mehr nur im Kunstunterricht. Ist diese Relevanz in den Schulen angekommen?
Dr. Ann-Kathrin Jaggy: Die Relevanz wird zunehmend erkannt. Viele Lehrkräfte und Schulleitungen verstehen, dass Kreativität eine zentrale Kompetenz ist, die in allen Fächern und Lebensbereichen eine Rolle spielt. Auch international wächst das Interesse, wie die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) zeigt, indem sie Kreativität als eine der bedeutendsten Kompetenzen des 21. Jahrhunderts deklariert. Auch die Aufnahme einer innovativen Domäne in die PISA-Erhebung 2022 unterstreicht dies. Allerdings befinden wir uns, was die pädagogische Praxis anbelangt, noch in einem Übergangsprozess. Während einige Schulen bereits innovative Unterrichtsmethoden einsetzen und Projekte fördern, die Kreativität anregen, zum Beispiel durch die Etablierung von Maker-Spaces, gibt es auch Schulen, in denen der Fokus weiterhin sehr stark auf traditionellen Lernmethoden und der Vermittlung von Faktenwissen liegt.
Jaggy: Wie viele psychologische Konstrukte ist Kreativität schwer zu fassen, da sie vielschichtig ist und sich in verschiedenen Kontexten unterschiedlich äußert. Bis heute gibt es keine allgemeingültige Definition von Kreativität. Die beiden Psychologen Marc Runco und Garrett Jaeger (2012) haben auf Basis einer Literaturrecherche bisherige Bemühungen zusammengefasst und eine gängige und breit akzeptierte Definition herausgestellt: "Kreativität ist die Fähigkeit, neuartige und wertvolle Ideen zu produzieren". Gleichzeitig ist diese Definition sehr allgemein und umfasst eine Vielzahl an Bereichen von alltäglichen Aktivitäten wie dem Malen eines besonderen Bildes ebenso wie außergewöhnlichen Erfindungen oder der Kompetenz, in kurzer Zeit verschiedene, originelle Antwortmöglichkeiten auf offene Fragen zu generieren. Es existieren verschiedene Modelle, die diese Perspektiven aufgreifen.
In meiner Forschung mit hochbegabten Schülerinnen und Schülern beschäftige ich mich besonders mit der Entwicklung von kreativem Potenzial bis hin zu kreativen Errungenschaften. Der Fokus liegt hierbei auf Kreativität als Denkprozess. In der Wissenschaft wird kreatives Denken häufig in zwei zentrale Prozesse unterteilt: Divergentes Denken bezeichnet die Fähigkeit, eine Vielzahl unterschiedlicher Ideen zu generieren, ohne sich frühzeitig auf eine Lösung festzulegen. Dafür sind Aspekte wie Originalität, Flexibilität und Ideenflüssigkeit entscheidend. Konvergentes Denken hingegen umfasst die Fähigkeit, diese Ideen zu analysieren, zu bewerten und zu einer tragfähigen Lösung zu verdichten, also Problemlösekompetenz und Evaluation. Zur Messung der Kreativität wird in der Forschung insbesondere das divergente Denken herangezogen. Das Zusammenspiel beider Prozesse ist bislang unzureichend erforscht.
Kreativitätsmodelle
Kreativität lässt sich aus verschiedenen Perspektiven betrachten. Das 4-P-Modell analysiert sie aus vier Blickwinkeln: Person (individuelle Eigenschaften wie Neugier und Motivation), Prozess (mentale Vorgänge wie Ideenfindung und Problemlösung), Produkt (neuartige und wertvolle Ergebnisse) und Press (Umfeld und äußere Bedingungen, die Kreativität fördern oder hemmen).
Ergänzend unterscheidet das 4-C-Modell zwischen verschiedenen Formen von Kreativität: Mini-C beschreibt alltägliche kreative Aktivitäten, Little-C kreative Leistungen im persönlichen oder beruflichen Umfeld, Pro-C professionelle Kreativität in einem Fachgebiet und Big-C bahnbrechende Erfindungen mit weltweiter Wirkung. Beide Modelle helfen, die komplexen Facetten kreativen Denkens besser zu verstehen.
Redaktion: Die Ergebnisse der PISA-Sondererhebung zeigen, dass Schülerinnen und Schüler in Deutschland im Bereich des kreativen Denkens international im Mittelfeld liegen. Sind das nicht erstmal gute Nachrichten für deutsche Schulen?
Jaggy: Die PISA-Ergebnisse zum kreativen Denken senden ein klares Signal: In Deutschland gibt es durchaus Potenzial, doch es gibt auch erheblichen Nachholbedarf. Deutschland liegt in der PISA-Erhebung zwar international im Mittelfeld, doch nur knapp 50 Prozent der Jugendlichen geben an, dass ihre Lehrkräfte sie dazu ermutigen, originelle Ideen zu entwickeln. Es braucht also weiterhin Anstrengungen, um das Bewusstsein für die Relevanz von Kreativität flächendeckend zu verankern und die notwendigen Rahmenbedingungen zu schaffen, um sie im Schulalltag zu fördern.
Redaktion: Welche Maßnahmen können Lehrkräfte ergreifen, um die Kreativität ihrer Schülerinnen und Schüler zu fördern?
Jaggy: Kreativität lässt sich unter anderem mit Unterrichtsmethoden fördern, die Raum zur kreativen Entfaltung bieten. Dazu gehören:
- Offene Fragen und Problemstellungen: Anstelle von geschlossenen Fragen, die nur eine kurze Antwort zulassen (zum Beispiel Ja/Nein oder eine einzige richtige Lösung), sollten Lehrkräfte im Unterricht offene Aufgabenstellungen formulieren, die zum Nachdenken, Reflektieren und zum Entwickeln eigener Ideen und Argumente anregen.
- Projektbasiertes Lernen: Projektbasiertes Lernen bietet den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit, ihr Wissen anzuwenden, Probleme zu lösen und kreative Lösungen zu entwickeln. Der Fokus liegt dabei auch auf dem kreativen Prozess, anstatt ausschließlich auf dem Ergebnis. Dabei können beispielsweise Methoden wie Design Thinking geübt und erlernt werden.
- Forschendes Lernen: Wenn Schülerinnen und Schüler selbstständig Fragen entwickeln, Hypothesen aufstellen und Schlussfolgerungen ziehen, kann das ebenfalls die Kreativität fördern. Statt einem linearen Vorgehen zu folgen, beginnt forschendes Lernen mit einem Phänomen oder einer übergeordneten Frage. In einer ersten Phase des divergenten Denkens werden die Schülerinnen und Schüler ermutigt, breit zu denken: Sie entwickeln eigenständig vielfältige Fragestellungen, stellen unterschiedlichste Hypothesen auf und sammeln Ideen ohne vorschnelle Bewertung. Erst danach folgt die Phase des konvergenten Denkens, in der sie ihre Ideen strukturieren, Experimente planen, gezielt Informationen auswerten und zu einer fundierten Schlussfolgerung kommen. Dieser Wechsel zwischen Öffnen und Fokussieren schult die Fähigkeit, Probleme aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und originelle Lösungswege zu finden.
- Fächerübergreifende Projekte: Projekte über die Fachgrenzen hinaus, ermöglichen Schülerinnen und Schülern, ihr Wissen und ihre Fähigkeiten aus verschiedenen Bereichen zu integrieren und kreative Lösungen für komplexe Probleme zu entwickeln.
Metakognitive Reflexion: Lehrkräfte können Schülerinnen und Schüler ermutigen, über ihren eigenen Lernprozess und ihre kreativen Strategien zu reflektieren. Dies hilft den Lernenden, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen und ihre Fähigkeiten gezielt weiterzuentwickeln.
Redaktion: Welche Rahmenbedingungen braucht es, damit Lehrkräfte diese kreativen Methoden regelmäßig und nachhaltig einsetzen können?
Jaggy: Zunächst einmal sollten Lehrkräfte wissen, dass Kreativität keine rein angeborene Eigenschaft ist, sondern durch Übung, Erfahrung und die richtige Umgebung gefördert und entwickelt werden kann. Dafür braucht es eine Offenheit und Akzeptanz für unkonventionelle Ideen. Lehrkräfte sollten "Out of the Box"-Thinking, also Denkweisen, die sich bewusst von konventionellen, traditionellen oder offensichtlichen Ansätzen unterscheiden, aktiv begrüßen. Das bedeutet, auch Ideen wertzuschätzen, die zunächst ungewöhnlich erscheinen. Im Unterricht können Lehrkräfte zudem eine Atmosphäre schaffen, in der Fehler als Lernchancen gesehen werden und Schülerinnen und Schüler sich trauen, Risiken einzugehen und neue Dinge auszuprobieren, ohne Angst vor negativen Konsequenzen.
Damit Lehrkräfte kreative Methoden regelmäßig und nachhaltig im Schulalltag einsetzen können, braucht es unterstützende Rahmenbedingungen auf mehreren Ebenen. Die alleinige Verantwortung auf die einzelne Lehrkraft abzuwälzen, greift natürlich zu kurz. Vielmehr muss die gesamte Schulorganisation darauf ausgerichtet sein und strukturelle und organisatorische Flexibilität ermöglichen.
Jaggy: Es deutet vieles darauf hin, dass Kreativität mit Erfolg in der Schule und im Beruf zusammenhängt. Studien zeigen beispielsweise positive Zusammenhänge zwischen kreativen Fähigkeiten wie dem divergenten Denken und Schulerfolg, etwa in Form besserer Noten sowie beruflichem Erfolg in Form von wissenschaftlich anerkannten Fachpublikationen.
Das Problem ist jedoch: Wir können noch nicht sagen, ob Kreativität wirklich der Grund für den Erfolg ist. Die meisten Studien sind querschnittlich und lassen keine kausalen Aussagen zu. In Studien werden Personen mit kreativen Errungenschaften oder Innovationen im späteren Leben oft retrospektiv zu den Faktoren, die dazu geführt haben könnten, befragt. Solche Analysen, die beispielsweise untersuchen, wie herausragende Forscherinnen und Forscher zu ihren bahnbrechenden Entdeckungen gelangten, sind zwar wertvoll, unterliegen jedoch Erinnerungsverzerrungen und lassen keine klaren kausalen Schlussfolgerungen zu. Weitere, insbesondere Längsschnittstudien sind notwendig, um die Kausalität und langfristigen Mechanismen besser zu verstehen.
Redaktion: Ein Schwerpunkt Ihrer Forschung liegt in der Talententwicklung. Wie hängen Kreativität und Intelligenz zusammen?
Jaggy: Die Beziehung zwischen Kreativität und Intelligenz wird in der Forschung intensiv diskutiert und aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Während einige Kreativität als eine Unterfacette von Intelligenz sehen, betrachten andere Intelligenz als Unterfacette von Kreativität. Wiederum andere gehen davon aus, dass beide Konstrukte unabhängig voneinander sind oder lediglich eine gewisse Nähe der Konstrukte besteht.
Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Intelligenz zwar notwendig, aber nicht hinreichend für Kreativität ist. Auch hier ist es daher hilfreich, Kreativität als einen Prozess zu verstehen, wie ich ihn oben beschrieben habe. In der Talententwicklung ist es daher essenziell, verschiedene Aspekte gezielt zu fördern, um ein ausgewogenes Verhältnis zu schaffen. Gleichzeitig bedarf es weiterer Forschung, um die komplexen Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Konstrukten und ihren Einfluss auf die Talententwicklung besser zu verstehen. Auch domänenspezifische Formen von Kreativität sollten stärker in den Fokus rücken, um individuelle Stärken gezielt zu fördern.
Redaktion: Lehrkräfte folgen festen Lehrplänen, und fast jede Unterrichtseinheit endet mit einer Prüfung. Wie beeinflusst diese Leistungsorientierung die Kreativität der Lernenden?
Jaggy: Die Leistungsorientierung und der Fokus auf standardisierte Tests stellen im Hinblick auf die Kreativitätsförderung ein zweischneidiges Schwert dar. Einerseits können sie Anreize schaffen, sich anzustrengen und Ziele zu erreichen. Andererseits besteht die Gefahr, dass sie Kreativität unterdrücken, indem sie ein enges Korsett schaffen, das wenig Raum für freies Denken und Experimentieren lässt.
Das Problem liegt darin, dass standardisierte Tests häufig auf die Reproduktion von Faktenwissen abzielen. Sie belohnen das Finden der „richtigen“ Antwort, während Kreativität zunächst oft das Entwerfen vieler unkonventioneller Lösungen erfordert. Wenn der Unterricht primär auf das Bestehen von Tests ausgerichtet ist, haben Lehrkräfte möglicherweise weniger Zeit und Ressourcen für kreative Aktivitäten oder offene Aufgabenstellungen. Schülerinnen und Schüler könnten sich entmutigt fühlen, Risiken einzugehen und originelle Ideen zu entwickeln, aus Angst, dass dies ihre Noten negativ beeinflusst.
Jaggy: Ein Weg kann sein, alternative Formen der Leistungsbewertung stärker in Betracht zu ziehen, die auch kreative Leistungen würdigen. Das können zum Beispiel Portfolios, Präsentationen oder Projektarbeiten sein. Dabei wäre es entscheidend, Kriterien zu entwickeln, um die Kreativität der SchülerInnen valide zu messen und in die Leistungsbeurteilung einzubeziehen.
Ein weiterer wichtiger Schritt ist es, den Fokus vom Ergebnis auf den Prozess zu verlagern. Es geht nicht nur darum, die “richtige” Antwort zu finden, sondern auch darum, wie man zu neuwertigen und wertvollen Antworten gelangt. Haben die Schülerinnen und Schüler verschiedene Ideen ausprobiert? Gezielte Fortbildungsmöglichkeiten für Lehrkräfte können dabei unterstützen zu lernen, wie sich Kreativität im Unterricht fördern und beurteilen lässt. Wichtig ist hierbei, Lehrkräfte in offenen Unterrichtsmethoden zu stärken und ihnen die nötigen Ressourcen sowie Unterstützungssysteme bereitzustellen. So werden sie zu zentralen Akteurinnen und Akteuren der Kreativitätsförderung und schaffen eine Lernkultur, in der Kreativität nicht als „nice to have“, sondern als wesentlicher Bestandteil von Bildung verstanden wird.
Ann-Kathrin Jaggy ist Postdoktorandin im Forschungsbereich Potenzialentwicklung und Hochbegabung am Hector-Institut für empirische Bildungsforschung. Sie ist Teil der wissenschaftlichen Begleitung des Hector Seminars, einem extracurricularen Enrichment-Programm zur Förderung besonders begabter und hochbegabter Kinder in Baden-Württemberg. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Untersuchung der Talententwicklung und des Zusammenspiels von Kreativität, Persönlichkeit, Motivation und Intelligenz.
- Gnas, J., Mack, E., Matthes, J., & Preckel, F. (2023). Intelligenz, Kreativität und Hochbegabung (1. Aufl.). Brill | Schöningh.
- Stumpf, E., & Perleth, C. (2019). Intelligenz, Kreativität und Begabung. In Psychologie für den Lehrberuf. S. 165–184. Springer.
- Soomro, S. A., Casakin, H., Nanjappan, V., & Georgiev, G. V. (2023). Makerspaces fostering creativity: A systematic literature review. Journal of Science Education and Technology, 32(4), 530–548.
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