Krisen, Dauerstress und soziale Vergleiche prägen den Alltag vieler Jugendlicher. Resilienz, also die Fähigkeit, mit Herausforderungen umzugehen und psychisch gesund zu bleiben, wird daher immer wichtiger. Fest steht: Sie ist kein festes Persönlichkeitsmerkmal, sondern ein dynamischer Prozess, der sich gezielt auch im Unterricht fördern lässt.
Redaktion: Herr Professor Rigotti, Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche heute verstärkt mit Sorgen und Ängsten leben. Unterscheiden sich Kinder und Jugendliche in ihrer Resilienz von Erwachsenen?
Prof. Thomas Rigotti: Resilienz ist ein dynamischer Prozess der Anpassung. Sie zeigt sich darin, unter Belastung psychisch stabil zu bleiben oder sich nach Krisen schnell zu erholen. Entscheidend sind dabei unsere Bewertung von Stress, die Fähigkeit zur emotionalen Regulation und unterstützende soziale Ressourcen. Im Jugendalter befinden sich Bewertungs- und Emotionsregulationsprozesse noch in der Entwicklung. Das macht Jugendliche formbar, aber auch anfälliger für soziale Vergleiche und Unsicherheiten. An dieser Stelle können gezielte Förderprogramme zur Resilienz ansetzen.
Redaktion: Welche Strategien eignen sich, um junge Menschen dabei zu unterstützen, mit Ängsten und Belastungen umzugehen?
Rigotti: Längsschnittdaten zeigen, dass vor allem psychoedukative Kompetenzen – also Wissen und Fähigkeiten im Umgang mit den eigenen Gefühlen und Stress – sowie verlässliche Routinen, Unterstützung durch Gleichaltrige und kurze, wiederholte Übungen besonders wirksam sind. Auch Unterrichtsprogramme zur Förderung mentaler Gesundheitskompetenz, angstreduzierende Expositionsübungen und feste Erholungsrituale im Schulalltag haben sich bewährt.
Redaktion: Gibt es konkrete Übungen oder Programme, die direkt im Unterricht angewandt werden können?
Rigotti: Ein Beispiel ist BEWARE, ein Programm des Leibniz-Instituts für Resilienzforschung, entwickelt von Professorin Michèle Wessa und ihrem Team. Es bietet Unterrichtsentwürfe für die Klassen 5 bis10, Schulungen für Lehrkräfte und Toolboxen zur Wiederholung zentraler Inhalte. Durch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit psychischer Gesundheit von der 5. bis zur 10. Klasse sollen sowohl die mentale Gesundheitskompetenz der Schülerinnen und Schüler gestärkt als auch Stigmatisierung abgebaut und Offenheit im Schulkontext gefördert werden.
Ein konkretes Beispiel aus dem Programm ist eine Übung zur Stärkung der Selbstwirksamkeit. Dabei lernen die Schülerinnen und Schüler, ihren Fokus nicht nur auf positive Ergebnisse zu richten, sondern auch darauf, welchen eigenen Beitrag sie dazu geleistet haben – selbst kleine Schritte zählen. Für Lehrkräfte bieten solche Übungen zudem einen praktischen Impuls, um im Unterricht statt einer Defizitperspektive eine Kultur der Ressourcen zu fördern.
Rigotti: Für die Grundschule eignen sich beispielsweise Gefühls-Thermometer, die Übung „Drei gute Momente“ oder kurze 2-Minuten-Erholungsrituale. In der Unter- und Mittelstufe können Übungen zur Bewertung von Belastungen, kurze Selbstwirksamkeits-Reflexionen („Was habe ich beeinflusst?“), Mini-Expositionen, Rollenspiele sowie Themen wie Schlaf und kompetente Mediennutzung eingesetzt werden. Für die Mittel- und Oberstufe eignen sich Strategien der Stress-Inokulation, bei der Schülerinnen und Schüler durch Wenn-Dann-Pläne und kleine Übungen lernen, belastende Situationen gezielt zu bewältigen, die Entwicklung individueller Ziele sowie Peer-Coaching.
Rigotti: Sie ist entscheidend, denn Kultur wirkt sich täglich auf Bewertungen aus: Wird Leistung als Hürde oder als gemeinsame Herausforderung erlebt? Gibt es Verlässlichkeit, Fairness und Unterstützung oder eher soziale Konflikte? Schulen, die Ziele, Regeln und Anerkennung konsequent gestalten und Erholung als festen Bestandteil guten Arbeitens verstehen, steigern die Resilienzchancen aller Beteiligten – sowohl der Lehrkräfte als auch der Schülerinnen und Schüler.
Redaktion: Welche langfristigen Effekte hat eine gezielte Resilienzförderung auf die schulische und persönliche Entwicklung von Schülerinnen und Schülern?
Rigotti: Eine gezielte Förderung der Resilienz kann zu größerer psychischer Stabilität und weniger Vermeidungsverhalten führen. Wer Belastungen eher als Herausforderung statt als Bedrohung oder Hindernis einordnet, zeigt über die Zeit günstigere Verläufe des Wohlbefindens. Dieser Bewertungsprozess ist trainierbar. Transparente und realistische Ziele sowie das Erleben von Fortschritten fördern das Lern-Engagement. Routinen für kurze Regenerationsphasen verringern affektive Überreaktionen und erleichtern die schnelle Rückkehr in einen entspannten Zustand mit besserer Leistungsfähigkeit. Längsschnittstudien mit Studierenden zeigen zudem, dass Resilienzkompetenzen in neue Belastungsphasen „mitwandern“ – ein Hinweis darauf, dass solche Fähigkeiten auch im Schulverlauf nachhaltige Effekte entfalten können.
Redaktion: Welche Stolperfallen gibt es bei der Resilienzförderung, etwa Überforderung und falsche Erwartungen?
Rigotti: Wichtig ist, dass Individualprogramme keine strukturellen Verbesserungen ersetzen, etwa klare Regeln oder faire Aufgabenverteilungen. Resilienz entsteht aus der Wechselwirkung zwischen individuellen und sozialen Faktoren. Angebote zur Förderung sollten daher kontextgerecht sein und die konkreten Belastungen der jeweiligen Schule adressieren. Resilienz zu einem Unterrichtsfach mit Leistungsbewertungen zu machen, könnte Reaktanz hervorrufen und falsche Erwartungen erzeugen. Das Ziel ist nicht, dass sich Schülerinnen und Schüler immer gut fühlen, sondern dass sie Belastungen funktional bewältigen können.
Prof. Dr. Thomas Rigotti studierte Psychologie an der Universität Leipzig, wo er 2008 auch promovierte. Seit 2013 ist er Professor für Arbeits-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz und Forschungsgruppenleiter am Leibniz-Institut für Resilienzforschung (LIR) in Mainz. In seiner Forschung untersucht er Stress- und Resilienzmechanismen im Arbeitskontext.
- Rigotti, T., Schilbach, M., & Arnold, M. (2024). Thriving under pressure: Wann Arbeitsbelastungen die Resilienz förden. PersonalQuarterly, 24(4), 15-19.
- Arnold, M., & Rigotti, T. (2023). How’s the boss? Integration of the health-oriented leadership concept into the job demands-resources theory. Journal of Managerial Psychology, 38(6), 419-433.
- Arnold, M., & Rigotti, T. (2021). Is it Getting Better or Worse? Health-Oriented Leadership and Psychological Capital as Resources for Sustained Health in Newcomers. Applied Psychology: An International Review, 70(2), 709-737.
- Koerner, L. S., Muelder, L. M., Bruno, L., Janneck, M., Dettmers, J., & Rigotti, T. (2023). Fostering study crafting to increase engagement and reduce exhaustion among higher education students: A randomized controlled trial of the STUDYCoach online intervention. Applied Psychology: Health and Well-Being, 15(2), 776-802.
- Rigotti, T., & Arnold, M. (2023). Entwicklung von Resilienzkompetenz bei Führungskräften. In M. Moser & K. Häring (Hrsg.), Gesund bleiben in kranken Unternehmen Stressfaktoren erkennen und Resilienzkompetenz aufbauen (S. 291-315). Springer.
- Reichel, J. L., Dietz, P., Muelder, L. M., Werner, A. M., Heller, S., Schaefer, M., Letzel, S., & Rigotti, T. (2023). Predictors of Resilience of University Students to Educational Stressors During the COVID-19 Pandemic: A Longitudinal Study in Germany. International Journal of Stress Management, 30(2), 172-183.
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