Zwischen Belastung und Unterstützung: Zentrale Ergebnisse aus dem Deutschen Schulbarometer

Die Ergebnisse zeigen, wie eng psychische Gesundheit, schulisches Wohlbefinden und Unterrichtserleben miteinander verknüpft sind

Ann-Kathrin Bielang

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Die aktuelle Befragung macht sichtbar, wie stark psychische Belastungen mit sozialer Herkunft und schulischem Erleben zusammenhängen. Gleichzeitig zeigt sie, welche Faktoren im Unterricht und im Schulalltag zur Entlastung beitragen können.

Das Deutsche Schulbarometer

Das „Deutsche Schulbarometer“ der Robert Bosch Stiftung ist ein seit 2019 regelmäßig erhobenes Befragungsinstrument, das die Lage an Schulen in Deutschland aus Sicht der direkt Beteiligten abbildet. Ziel ist es, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und daraus Handlungsempfehlungen für Bildungspolitik und Praxis abzuleiten. Seit 2024 besteht das Instrument aus drei Bausteinen: Befragungen von Lehrkräften, von Schülerinnen und Schülern (inklusive eines Elternteils) sowie ein Fokus-Format für wechselnde Schwerpunktthemen. Die Studien sind als längsschnittliche Panelerhebung angelegt, sodass Veränderungen über die Zeit beobachtet werden können.

In der aktuellen Ausgabe richtet sich der Fokus erneut auf Schülerinnen und Schüler. Im Zentrum stehen Fragen zur psychischen Gesundheit und zum schulischen Wohlbefinden. Die repräsentative Onlinebefragung wurde im Mai und Juni 2025 durchgeführt. Befragt wurden 1.507 Kinder und Jugendliche im Alter von 8 bis 17 Jahren an allgemein- und berufsbildenden Schulen sowie jeweils ein Elternteil. 

Psychische Gesundheit von Schülerinnen und Schülern in Deutschland

Die Daten aus dem „Deutschen Schulbarometer Schüler:innen 25/26“ zeigen: Ein Viertel (25 Prozent) der Schülerinnen und Schüler im Alter von 8 bis 17 Jahren in Deutschland weist Anzeichen psychischerBelastungen auf. Davon gelten 15 Prozent als psychisch auffällig, weitere 10 Prozent liegen im Grenzbereich. Damit steigt die Belastung erstmals seit der Covid-19-Pandemie wieder leicht an; 2024 lag der Anteil noch bei 21 Prozent. 

Besonders deutlich zeigt sich der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und psychischer Belastung: Kinder aus einkommensschwachen Familien berichten zu 31 Prozent von psychischen Auffälligkeiten. Unter Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf liegt der Anteil sogar bei 36 Prozent. 

Damit wächst zugleich der Bedarf an Unterstützung, während das Versorgungssystem weiterhin an seine Grenzen stößt. Engpässe bei Therapieplätzen sowie in der Schulpsychologie und Schulsozialarbeit bestehen nach wie vor. Die Studienautorinnen und -autoren plädieren daher für einen Ausbau der therapeutischen Versorgungskapazitäten sowie für eine gezielte Stärkung schulischer Unterstützungsstrukturen. 

Lebensqualität von Kindern und Jugendlichen im schulischen Kontext 

Rund zwei Drittel (68 Prozent) der 8- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schüler stufen ihre Lebensqualität als mittel ein. 26 Prozent berichten von einer niedrigen, 6 Prozent von einer hohen Lebensqualität.Besonders häufig fällt die Lebensqualität niedrig aus bei Kindern und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten (57 Prozent), bei Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf (41 Prozent) sowie aus einkommensschwachen Familien (36 Prozent). Im Vergleich zur vorherigen Erhebung zeigen sich insgesamt nur geringfügige Veränderungen (2024: 27 Prozent niedrige Lebensqualität, 66 Prozent mittlere Lebensqualität, 6 Prozent hohe Lebensqualität).

Schulisches Wohlbefinden und soziale Ungleichheit in Deutschland 

16 Prozent der Schülerinnen und Schüler berichten von einem geringen schulischen Wohlbefinden, 75 Prozent verorten sich im mittleren und 8 Prozent im hohen Bereich. Die Werte zeigen eine leichte Verbesserung: Im Jahr 2024 lag der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit geringem schulischem Wohlbefinden noch bei 20 Prozent. Deutlich werden jedoch Unterschiede im Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit sowie der sozialen Lage. So geben 43 Prozent der Kinder und Jugendlichen mit psychischen Auffälligkeiten ein geringes schulisches Wohlbefinden an. Bei Schülerinnen und Schülern aus einkommensschwachen Familien liegt dieser Anteil bei 29 Prozent. 

Unterrichtsqualität und ihr Einfluss auf das Wohlbefinden von Schülerinnen und Schülern 

Das Deutsche Schulbarometer macht deutliche Zusammenhänge zwischen Unterrichtsmerkmalen und schulischem Wohlbefinden sichtbar. Eine zentrale Rolle spielt dabei die konstruktive Unterstützung durch Lehrkräfte: Wird diese als wertschätzend und hilfreich erlebt, steigt das schulische Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler spürbar. Auch ein positives Klassenklima sowie ein stabiles akademisches Selbstkonzept gehen mit einem besseren Erleben des Schulalltags einher. Belastend wirken hingegen insbesondere Prüfungsangst, Überforderung und Langeweile im Unterricht.

Überforderung und Langeweile im Unterricht 

Die Ergebnisse des Deutschen Schulbarometers machen zwei gegenläufige, zugleich eng miteinander verbundene Belastungserfahrungen im Unterricht sichtbar: Überforderung und Langeweile. Rund zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler berichten, sich zumindest in einzelnen Unterrichtsstunden überfordert zu fühlen; etwa 7 Prozent geben sogar an, in fast allen oder allen Stunden Inhalte nicht mehr zu verstehen. Gleichzeitig erlebt etwa ein Drittel den Unterricht als wenig anregend: 36 Prozent haben häufig keine Lust zu lernen, 37 Prozent empfinden den Unterricht regelmäßig als langweilig und 35 Prozent berichten von fehlender Motivation bei den Hausaufgaben.

Beide Phänomene lassen sich über die Passung zwischen Anforderungen und individuellen Lernvoraussetzungen erklären: Ist das Niveau zu hoch, entsteht Überforderung; ist es zu niedrig oder zu wenig stimulierend, führt dies zu Langeweile. Beide Zustände gehen mit einem geringeren Wohlbefinden, sinkender Lernmotivation und erhöhter psychischer Belastung einher.

Leistungsdruck im Schulsystem: Unterschiede nach Alter und Schulform 

Viele Schülerinnen und Schüler erleben die Schule als deutlich leistungsintensiv: 61 Prozent berichten von hohem Leistungsdruck, 47 Prozent lernen auch am Wochenende und 22 Prozent schaffen ihre Hausaufgaben nur schwer vollständig. Besonders 14- bis 17-jährige Mädchen sowie Schülerinnen und Schüler an Gymnasien berichten überdurchschnittlich häufig von hoher schulischer Belastung und Leistungsdruck. Dies entspricht den Befunden des Schulbarometers 2024, wonach sich gerade ältere Mädchen häufig Sorgen um ihre schulischen Leistungen machen.

Auch Prüfungsangst ist ein verbreitetes Thema (erfasst aus Elternperspektive): 13 Prozent der Eltern berichten, dass ihr Kind häufig unter starker Prüfungsangst leidet, weitere 22 Prozent gelegentlich. Die große Mehrheit (66 Prozent) gibt hingegen an, dass ihre Kinder nur selten oder gar nicht stark unter Prüfungsbelastung stehen.

Zugehörigkeit und Einsamkeit im schulischen Kontext in Deutschland 

76 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen fühlen sich in ihrer Schule grundsätzlich akzeptiert. Gleichzeitig zeigen sich jedoch auch deutliche Brüche im sozialen Erleben: Ein Viertel der Schülerinnen und Schüler (25 Prozent) fühlt sich eher nicht beliebt, 19 Prozent haben das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören, und 11 Prozent berichten von Einsamkeit. Besonders deutlich treten diese Belastungen bei Schülerinnen und Schülern mit psychischen Auffälligkeiten hervor. In dieser Gruppe gibt fast ein Drittel (30 Prozent) an, sich in der Schule einsam zu fühlen.

Partizipation im Schulalltag: Einfluss auf Wohlbefinden und Motivation 

Das Deutsche Schulbarometer zeigt, dass Partizipation im Schulalltag insgesamt nur eingeschränkt ausgeprägt ist. Besonders bei Unterrichtsinhalten und Leistungsbewertung haben Schülerinnen und Schüler nur geringe Mitgestaltungsmöglichkeiten. Etwas mehr Einfluss besteht bei Klassenregeln oder schulischen Aktivitäten. Gleichzeitig äußert die große Mehrheit den Wunsch nach stärkerer Beteiligung in nahezu allen schulischen Bereichen. Die Ergebnisse machen zudem einen klaren Zusammenhang sichtbar: Je stärker Schülerinnen und Schüler in schulische Entscheidungen eingebunden sind, desto häufiger berichten sie von einem höheren schulischen Wohlbefinden und einer besseren Lebensqualität.

Aus theoretischer Perspektive gilt Partizipation als zentraler Faktor für Motivation und gelingende schulische Entwicklung. Sie stärkt insbesondere das Autonomie- und Kompetenzerleben sowie das Gefühl sozialer Eingebundenheit - drei grundlegende psychologische Bedürfnisse, die als Voraussetzung für intrinsische Motivation und ein positives schulisches Erleben gelten.

Mobbing und Cybermobbing an Schulen  

Rund 30 Prozent der 11- bis 17-jährigen Schülerinnen und Schüler (jüngere Schülerinnen und Schüler wurden zu diesem Thema nicht befragt) berichten, mindestens einmal im Monat von Mobbing betroffen zu sein. Besonders häufig betroffen sind 14-Jährige, bei denen der Anteil bei etwa 38 Prozent liegt. Gleichzeitig geben rund 68 Prozent an, im betrachteten Zeitraum kein Mobbing erlebt zu haben.

Auffällig ist, dass Mobbing selten nur in einer einzelnen Form auftritt. Häufig verbindet es direkte Angriffe im persönlichen Kontakt mit digitalen Formen über soziale Medien oder Messenger (33 bis 34 Prozent). Reines Cybermobbing kommt zwar vor, bleibt jedoch im Vergleich zur Kombination beider Varianten deutlich seltener. Die Auswirkungen sind klar erkennbar: Mobbing geht häufig mit psychischen Belastungen wie Angst, Einsamkeit und einem geringen Selbstwertgefühl bis hin zu Depressionen einher, auch schulische Leistungen werden oft beeinträchtigt.

Fazit

Die Ergebnisse zeichnen ein ambivalentes Bild: Einerseits zeigen sie eine weiterhin hohe und zuletzt wieder leicht steigende psychische Belastung unter Schülerinnen und Schülern, die zudem eng mit sozialer Herkunft, Leistungsdruck und Passungsproblemen im Unterricht verknüpft ist. Auch Phänomene wie Einsamkeit, eingeschränkte Partizipation und Mobbing verdeutlichen bestehende strukturelle Herausforderungen. Andererseits machen die Befunde ebenso deutlich, dass schulisches Wohlbefinden gestaltbar ist. Wertschätzende Lehrer-Schüler-Beziehungen, ein unterstützendes Klassenklima sowie echte Mitbestimmungsmöglichkeiten gehen konsistent mit besseren Ergebnissen einher. Damit verweisen die Daten nicht nur auf Handlungsbedarfe, sondern auch auf konkrete Ansatzpunkte: Schulische Qualität zeigt sich dort, wo Unterricht, Beziehungen und Beteiligung systematisch auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler abgestimmt sind.