PISA 2025 zeigt die schwächsten deutschen Werte seit Studienbeginn: historische Tiefstände in allen drei Kernbereichen, ein Drittel der 15-Jährigen ohne sichere Basiskompetenzen, Herkunftseffekte so stark wie nie seit 2000. Die Debatte bleibt meist bei der Diagnose stehen. Dabei benennt PISA 2025 selbst zahlreiche Handlungsoptionen – und zu jeder gibt es in diesem Beitrag Verweise zu belastbarer Forschung.
Deutschland liegt in der neuen PISA-Studie im OECD-Durchschnitt und erreicht gleichzeitig den tiefsten Leistungsstand seit dem Start der Erhebungen im Jahr 2000. Woran das liegt, hat PISA-Studienleiter Samuel Greiff im Interview mit evido. auf den Punkt gebracht. Was ist also zu tun? Die Herausgebenden von evido. haben gemeinsam mit dem ehemaligen Hamburger Schulsenator Ties Rabe zehn Handlungsempfehlungen in einem Sofortprogramm vorgelegt.
Doch auch in der Studie selbst steht mehr als die Diagnose: Zu jedem Berichtsteil formuliert PISA 2025 konkrete Handlungsoptionen und stützt sie auf internationale Forschung, auf Gutachten der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (SWK) und auf Erfahrungen aus den Bildungssystemen Estlands, Kanadas oder der Niederlande.
Die folgenden Punkte verbinden jeweils einen zentralen PISA-Befund mit möglichen evidenzbasierten Antworten der Forschung und mit Beiträgen aus dem evido.-Archiv, die diese Evidenz vertiefen.
Der Befund: In den Naturwissenschaften erreicht rund ein Viertel der 15-Jährigen die Basiskompetenzen nicht, im Lesen und in Mathematik jeweils rund ein Drittel. Der Anteil ist über die Jahre deutlich gestiegen.
Die Evidenz-Antwort: PISA 2025 empfiehlt, ausreichende Basiskompetenzen für alle Schülerinnen und Schüler systematisch zu sichern. Der internationale Forschungsstand und die SWK-Empfehlungen zeigen: Frühe, regelmäßige und fachlich gut strukturierte Förderung vermittelt nachhaltig ein Mindestmaß an Basiskompetenzen.
Der Befund: Die Kompetenzunterschiede zwischen Jugendlichen aus sozioökonomisch benachteiligten und privilegierten Familien fallen in Deutschland im internationalen Vergleich besonders groß aus. Anders als im OECD- und EU-Durchschnitt haben sie seit 2015 wieder zugenommen und sind heute so ausgeprägt wie nie zuvor seit der ersten PISA-Erhebung.
Die Evidenz-Antwort: PISA 2025 nennt drei Ansatzpunkte. Erstens: Ressourcen bedarfsorientiert zuweisen. Zweitens: frühzeitige Diagnostik verbindlich mit anschließenden, obligatorischen Fördermaßnahmen koppeln. Drittens: den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung als pädagogisches Potenzial begreifen.
Der Befund: Zwei der drei Tiefendimensionen guten Unterrichts bewerten Schülerinnen und Schüler in Deutschland schlechter als im OECD-Durchschnitt: die Klassenführung und die konstruktive Unterstützung durch die Lehrkraft. Nur bei der kognitiven Aktivierung erreicht Deutschland Durchschnittswerte. Parallel dazu sinkt der Anteil kompetenzstarker Jugendlicher: In allen drei Kompetenzbereichen liegt er inzwischen unter zehn Prozent.
Die Evidenz-Antwort: PISA 2025 verweist auf die Forschung zu kognitiv aktivierendem Unterricht: Anspruchsvolle Lerngelegenheiten und adaptiv ausgerichtete Formate sind zentral. Für die Lehrkräftebildung folgt daraus: Umgang mit heterogenen Lerngruppen, adaptive Unterrichtsgestaltung, lernprozessbegleitende Diagnostik und pädagogisch fundierter Medieneinsatz müssen mehr in den Vordergrund rücken.
Der Befund: Die Kompetenzentwicklung zeigt über mehrere PISA-Erhebungszyklen hinweg einen negativen Trend. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie systematisch Fördermaßnahmen auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden. Der PISA-Berichtband empfiehlt deshalb, Kompetenzförderung stärker datengestützt zu steuern und ihre Effektivität kontinuierlich zu prüfen.
Die Evidenz-Antwort: Werden Lernstände frühzeitig, regelmäßig und standardisiert erfasst und konsequent für individuelle Fördermaßnahmen genutzt, lassen sich sowohl die individuelle Kompetenzentwicklung als auch die Sicherung von Basiskompetenzen gezielt unterstützen. Damit das gelingt, brauchen Schulen geeignete Diagnoseinstrumente, gut verfügbare und geprüfte Fördermaterialien sowie Ansprechpersonen in den Unterstützungssystemen. Daten dürfen nicht primär der Kontrolle dienen, sondern müssen konkrete Unterstützung für Unterricht und Förderung ermöglichen.
Der Befund: PISA 2025 hat erstmals modellbasiertes Problemlösen erfasst, eine Teilkompetenz von „Lernen in der digitalen Welt“. Deutschland liegt mit 498 Punkten im Bereich des OECD-Durchschnitts; etwa ein Viertel der Jugendlichen erreicht hohe Kompetenzstufen, ein ähnlich großer Anteil erreicht keine ausreichenden Basiskompetenzen. Zentral ist ein zweiter Befund: Eine häufigere Nutzung digitaler Medien im Unterricht geht nur dann mit höheren naturwissenschaftlichen Kompetenzen einher, wenn zugleich ein qualitativ hochwertiger Zugang besteht.
Die Evidenz-Antwort: Digitale Bildung braucht eine langfristige Strategie für Bildungsziele, Materialien, Professionalisierung und Organisationsentwicklung. Die Evidenz spricht dafür, digitale Medien an klaren pädagogischen Funktionen auszurichten, statt sie vorrangig als Ausstattungsfrage zu behandeln.
Der Befund: Etwa drei von vier Jugendlichen in Deutschland fühlen sich ihrer Schule zugehörig, ein im internationalen Vergleich überdurchschnittlicher Wert. Zugleich fällt die berichtete Häufigkeit von Bullying-Erfahrungen international überdurchschnittlich aus, und sozial benachteiligte Jugendliche sind davon etwas häufiger betroffen. Erstmals rückt PISA außerdem Schulabsentismus in den Blick, von dem nicht-gymnasiale Schularten besonders betroffen sind.
Die Evidenz-Antwort: Schulen sind dann besonders förderlich, wenn Kompetenzentwicklung konsequent mit sozial-emotionaler Unterstützung, positiven Beziehungserfahrungen und gelebter Teilhabe zusammengedacht wird. Viele Schulen verfügen bereits über tragfähige Strukturen: Beratungsangebote, Mentorenprogramme, Klassenpatenschaften, Streitschlichtung. Entscheidend sei, diese Angebote stärker zu verzahnen, präventiv auszurichten und regelmäßig datenbasiert weiterzuentwickeln; die Perspektiven der Schülerinnen und Schüler sollten dabei systematisch einbezogen werden.
Gegen Schulabsentismus wirken besonders jene Ansätze, die schulisches Zugehörigkeitserleben stärken, sozial-emotionale Kompetenzen fördern und frühzeitig auf Veränderungen in Lern- und Teilhabeverläufen reagieren. Da sich Absentismus meist schrittweise entwickelt, sind datenbasierte Verfahren zur Früherkennung ein wirksames Gegengewicht.
Der Befund: PISA untersucht Jugendliche, die 15 Jahre alt sind. In diesem Alter sind die entscheidenden Weichen längst gestellt. Kompetenzunterschiede, die sich in der Sekundarstufe als stabile Leistungsschere zeigen, entstehen in der Regel deutlich früher, und sie hängen eng mit den sprachlichen Voraussetzungen zusammen, die Kinder in die Schule mitbringen.
Die Evidenz-Antwort: PISA 2025 verweist auf Systeme wie Estland, die frühkindliche Bildung seit Jahren mit klaren pädagogischen Zielsetzungen verbinden und Sprache, numerisch-mathematische Vorläuferkompetenzen und Selbstregulation systematisch fördern, ohne den Elementarbereich zu verschulen. Die Handlungsoption für Deutschland: solche Ansätze verbindlicher, flächendeckender und entlang gemeinsamer Entwicklungsziele ausbauen.
Der Befund: Eltern in Deutschland berichten deutlich seltener als im OECD- und EU-Durchschnitt, dass sie von ihren Kindern einen Hochschulabschluss erwarten. Zugleich gilt: Je höher die Bildungsaspirationen der Eltern, desto höher im Durchschnitt die naturwissenschaftliche Kompetenz ihrer Kinder. Das Elternhaus ist damit einer der stärksten Einflussfaktoren – und zugleich der am wenigsten systematisch einbezogene.
Die Evidenz-Antwort: Zusammenarbeit mit Familien wirkt dann, wenn sie kontinuierlich, niedrigschwellig und institutionell verankert ist. PISA 2025 nennt als konkrete Formate Lernentwicklungsgespräche, mehrsprachige Informationsangebote und Familiengrundschulzentren. Der entscheidende Perspektivwechsel: Eltern sollen nicht punktuell informiert, sondern in die Lage versetzt werden, Lernprozesse im Alltag zu begleiten und sich im Bildungssystem zu orientieren. Das gilt besonders für Familien, die dieses System nicht aus eigener Bildungsbiografie kennen.
Der Befund: Die Lesekompetenz liegt auf dem niedrigsten Wert seit Beginn der PISA-Erhebungen; rund ein Drittel der 15-Jährigen erreicht die Basiskompetenzen nicht. Parallel dazu ist die Lesefreude in Deutschland zwischen 2009 und 2018 so stark gesunken wie in kaum einem anderen OECD-Staat. Knapp die Hälfte der Jugendlichen gibt an, nur zu lesen, wenn es erforderlich ist.
Die Evidenz-Antwort: Flüssiges, genaues Lesen ist die Voraussetzung für belastbares Textverständnis, und es lässt sich trainieren: mit Lautleseverfahren, insbesondere Lautlesetandems, mit Lesebändern und täglichen Lesezeiten, die fest im Stundenplan verankert sind, sowie mit gezielten Lesestrategietrainings für leseschwache Schülerinnen und Schüler.
Greiff, S., Diedrich, J., Kastorff, T., Goldhammer, F. & Köller, O. (Hrsg.) (2026). PISA 2025. Bildung im Spannungsfeld von Innovation und Transformation. Waxmann, Münster. waxmann.com/buecher/PISA-2025